Marie-Hélène Colin betrachtet die heilige Oranna nicht als historisch gesicherte Prinzessin, sondern als ein wissenschaftliches Rätsel, das sie kritisch dekonstruiert. Während ältere Berichte die irische Herkunft und die Rolle als Königstochter im 6. Jahrhundert oft als feststehende Tatsache behandeln, weist Colin nachdrücklich auf das hagiographische Schweigen hin: In den großen Standardwerken wie der Legenda Aurea des 13. Jahrhunderts oder den frühen Acta Sanctorum der Bollandisten fehlt ihr Name bis ins 19. Jahrhundert völlig.
In der Folge stellt sie die Existenz einer historischen Person namens Oranna grundsätzlich infrage. Colin vermutet, dass der Name eine rein sprachliche Deformation ist: Entweder stammt er vom lateinischen Begriff „orant“ (die Betende) ab oder er entstand durch die Feminisierung des Eremiten Saint Aurant, der erst im 18. Jahrhundert in Berus belegt ist.
Ein weiterer zentraler Unterschied in ihrer Analyse betrifft die bekannte Ikonographie der Heiligen. Während die Geste des Zeigefingers am Ohr in vielen Quellen als uraltes Zeichen ihrer Heilkraft bei Gehörleiden interpretiert wird, datiert Colin die Fixierung dieser spezifischen Darstellung deutlich später auf die Zeit um 1760. Sie sieht darin eine nachträgliche, volksetymologische Schöpfung des Bildhauers Adam Guldner, der den Namen Oranna bildlich mit dem deutschen Wort „Ohr“ verknüpfte, um ihre Rolle als Nothelferin visuell zu untermauern. Zudem beleuchtet Colin die soziale Realität des Kults weit weniger andächtig als andere Autoren: Sie thematisiert eine kirchliche Untersuchung von 1807 unter Bischof Jauffret, die „Missbräuche“ wie Tänze, Streitigkeiten und Prügeleien während der Wallfahrt dokumentierte. Dieser „Jahrmarkt-Charakter“ führte damals sogar dazu, dass die Schließung der Kapelle erwogen wurde, um weitere Unruhen zu vermeiden. Letztlich definiert sie Oranna primär als ein politisches Identitätssymbol der deutschsprachigen Bevölkerung Lothringens (Lorraine germanophone), das über Jahrhunderte zur Markierung territorialer Ansprüche und zur kulturellen Abgrenzung gegenüber den Nachbardiozösen diente.
Analyse des Texts von Marie-Hélène Colin „Sainte Oranne, Patronne de la Lorraine Germanophone“ (Die heilige Oranna, Patronin des deutschsprachigen Lothringens) in Les Cahiers Lorrains, no 3, 2004 .
unterscheidet sich von den älteren Beiträgen vor allem durch einen kritisch-wissenschaftlichen Ansatz, der die Legenden hinterfragt und die Entstehung des Kults historisch neu einordnet und befasst sich kritisch mit der Entstehung des Kults, den verschiedenen Legenden und der Bedeutung der Heiligen für die Grenzregion.
Analyse des Texts von Marie-Hélène Colin „Sainte Oranne, Patronne de la Lorraine Germanophone“ (Die heilige Oranna, Patronin des deutschsprachigen Lothringens) in Les Cahiers Lorrains, no 3, 2004 .
unterscheidet sich von den älteren Beiträgen vor allem durch einen kritisch-wissenschaftlichen Ansatz, der die Legenden hinterfragt und die Entstehung des Kults historisch neu einordnet und befasst sich kritisch mit der Entstehung des Kults, den verschiedenen Legenden und der Bedeutung der Heiligen für die Grenzregion.

Views: 0
