Diedenhofen baut seinen Bahnhof.


Artikel 1955 Autor und Zeitung unbekannt. Becker Krapp Archiv Kreisarchiv Merzig
Auf sehr viele Reisende, die die Elsenmetropole besuchten, machte der vernachlässigte Bahnhof keinen guten Eindruck und mancher allzu schnell vom Bahnhof auf die Stadt. Das Bahnhofsgebäude ist nach 1870 entstanden, erbaut und gestaltet nach dem damaligen Stil, der für die Bahnhofshöfe nach preußischem Muster eben gültig war und schablonenhaft gehandhabt wurde. Der Zahn der Zeit, verbunden mit dem immer stärker werdenden und anfallenden Staub der wachsenden Industrie um Diedenhofen; dazu die Kriegsereignisse, ließen allzu deutlich ihre Spuren an dem Gebäude „Einrichtungen und den Nebengebäuden zurück. Lange dauerte es, ehe man begriff, daß auch der Bahnhof eine Visitenkarte der Stadt darstellt. Nun ist man aber endlich erwacht, vielleicht von dem rasch ansteigenden Verkehr und den berechtigten Klagen der Reisenden unangenehm aus dem Schlafe geweckt worden.
Die ganze Bahnhofsanlage ist nun zu einer riesigen Baustelle geworden, in der man sich sehr vorsichtig bewegen muß. Das Innere des eigentlichen Personenbahnhofs wird vollständig umgebaut. Die dunkle Empfangshalle erhält ein modernes Aussehen, hell und luftig. Die unmöglichen Fahrkartenschalter sind verschwunden mit den Holzbaracken für Gepäck- und Eßpreßbeförderung, und an ihrer Stelle sind helle Büroräume entstanden. Man hat alle Schalter nun zusammengelegt, um den Reisenden entgegenzukommen bei der Abfertigung, gewann dadurch aber auch den Platz für die große Halle zu den Bahnsteigen. Auch die Bahnsteige, die viel zu kurz waren, sind verlängert worden und erhalten eine neue Überdachung. Man kann diese Arbeiten in einem Zuge mit der notwendig gewordenen Installierung der elektrischen Stromleitungen durchführen; denn nach der Strecke Valenciennes-
Diedenhofen werden weitere Strecken hier auf elektrischen Betrieb umgestellt werden.
Allein die erste elektrische Strecke wird die tägliche Abfertigung auf Bahnhof Diedenhofen von 500 auf 700 Züge täglich ansteigen lassen. Diese Tageskapazität wird weiterhin rasch ansteigen; denn Diedenhofen ist dazu berufen, einer der bedeutendsten Warenumschlagbahnhöfe Ostfrankreichs zu werden. Das ist einmal bedingt durch seine Lage in den Verkehrsstrecken der atlantischen Häfen Belgiens, Hollands, Westdeutschlands, des Saarlandes und der Schweiz, dann aber durch Lage im Zentrum der Eisenindustrie Lothringens. Dadurch sind umfangreiche Um- und Neubauten erforderlich, und die ganze Bahnhofsanlage ist augenblicklich ein Wirrwarr von Leitungsdrähten und Baumaterial. Dazu erheben sich eine Unmenge von Masten, Signalwerke und neue Eisenkonstruktionen auf dem ganzen Gelände. Überall stehen dazwischen mächtige Scheinwerfer, deren blendendes Licht die Nacht zum Tage werden läßt. In diesem scheinbaren Durcheinander krabbeln die Menschen umher wie verloren, obschon es diese Arbeiter sind, die hier Ordnung schaffen.
Vorsorge ist getroffen, um den steigenden Zugverkehr mit fast absoluter Sicherheit zu lenken. Die moderne Technik hat fast wunderbare Einrichtungen geschaffen, die, wenn sie einmal fertig sind, es erlauben, den gesamten Verkehr innerhalb des Bahnhofs von einem Punkt aus zu leiten. In einem kleinen Gebäude, neben der Straßenbrücke nach Basse-Yutz, ist das Gehirn dieser Maschinerie untergebracht. Hier sind auf einem Plan die 297 möglichen Fahrstrecken des Bahnhofs eingezeichnet. Die Maschinerie, bedient durch Knöpfe und Hebel, arbeitet automatisch, schließt und öffnet die einzelnen Strecken auch automatisch. Die neue Befehlsstelle, die in drei Zonen eingeteilt ist, ersetzt die früheren Sechs Stellwerke und kann von einem einzigen Beamten bedient werden, der stets auf einem Bildschirm alle Strecken im Bahnhof überschaut und überwacht.
Die Elektrifizierungsarbeiten im Bahnhof werden gegen Ende Juli fertiggestellt sein. Dann verschwinden aus dem Bahnhof zunächst die gewaltigen Lokomotiven, die die schweren Güterzüge aus Nordfrankreich herangeschleppt haben. Die Verbindung“
zwischen Nordfrankreich und dem Diedenhofener Industriegebiet wird so als erste elektrifiziert. Damit verschwindet die Belästigung der Reisenden durch die Rauchentwicklung dieser Giganten. Die Arbeiten gehen aber weiter, bis die Elektrifizierung aller Strecken durchgeführt ist. Dann, es mag noch Jahre bis dahin dauern, ist aber auch Diedenhofen zu einem der wichtigsten und modernsten Bahnhöfe ganz Frankreichs geworden.“



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Share via
Copy link