Die Legende vom Hirsch mit dem Kreuz im Geweih gehört heute fest zum heiligen Hubertus. Historisch ist sie aber nicht von Anfang an seine Geschichte. Ein Rückblick auf den Hubertustag am 3. November lohnt sich deshalb auch mit Blick auf die Hintergründe.
Der historische Hubertus
Hubertus war Schüler des heiligen Lambert und wurde dessen Nachfolger als Bischof von Tongern-Maastricht. Um 717/18 verlegte er seinen Sitz nach Lüttich und starb um 727 in Tervueren bei Brüssel. Die Forschung sieht in ihm einen Missionar, der in den Ardennen gegen die Reste des Heidentums wirkte, den „Apostel der Ardennen“. Die älteste Lebensbeschreibung entstand nach 744 und stammt von einem Lütticher Kleriker. Sie kennt ihn als Seelsorger und Bischof, nicht als Jäger.
Später wurde ausgeschmückt, die Ardennen-Bewohner hätten die Jagdgöttin Diana verehrt. So heißt es etwa in „Les Délices du Païs de Lièges“ (1), die Ardennen seien wie andere Provinzen Galliens dem Götzendienst verfallen gewesen, und Diana habe als Herrin von Wald und Jagd unter den falschen Gottheiten obenan gestanden. Als historisch gesichert kann das nicht gelten. Es ist ein typisches Motiv der Heiligenlegenden.
Am 3. November 744 wurden seine Gebeine erhoben, eine damals übliche Form der Anerkennung. Dieses Datum wurde zum Festtag. 825 kamen die Reliquien in das Kloster Andage in den Ardennen, das sich fortan Saint-Hubert nannte und zum Wallfahrtsort wurde. Die Reliquien selbst verbrannten 1568 bei einem Überfall der Hugenotten.
Hubertus und die Jagd
Die Verbindung zur Jagd entwickelte sich im Umfeld von Saint-Hubert. Im 9. und 10. Jahrhundert wuchs seine Verehrung, und spätestens im 11. Jahrhundert wird er als Patron der Jäger dargestellt. Die berühmte Hirschvision gehörte dabei zunächst nicht zu seiner Lebensgeschichte.
Die Legende des Eustachius
Die Hirschvision stammt aus der Legende des Eustachius. Sie erzählt vom römischen Heerführer Placidus, der bei der Jagd einen Hirsch mit einem Kreuz im Geweih sieht, sich bekehren lässt und den Namen Eustachius annimmt. Der Hirsch spricht ihn an und fragt, warum er ihn verfolge. Historisch ist Eustachius nicht fassbar. Die Geschichte wurde vor allem durch die Legenda aurea des Jacobus de Voragine verbreitet, und er zählt zu den 14 Nothelfern. Bis heute werden die beiden Heiligen verwechselt. Pisanellos Gemälde „Die Vision des heiligen Eustachius“ (um 1438 bis 1442) galt in der Vergangenheit sogar zeitweise als Hubertus-Bild.
Ein Wandermotiv
Das Motiv einer Begegnung mit einem Hirsch, die einen Jäger zur Umkehr bewegt, ist aus verschiedenen Erzähltraditionen bekannt. Woher es stammt und auf welchen Wegen es nach Westeuropa kam, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Ähnlichkeit allein beweist noch keine direkte Überlieferungslinie.
Die Übertragung auf Hubertus
Die Neue Deutsche Biographie beschreibt den Vorgang als Übertragung: Die ursprünglich Eustachius zugeschriebene Hirschlegende wurde auf Hubertus übertragen. Zur Datierung gibt es unterschiedliche Angaben. Manche Darstellungen nennen schon das 10. oder 11. Jahrhundert, nennen aber keine Belege. Der wissenschaftliche Katalog der National Gallery in London hält dagegen fest, die Episode komme im Leben des Hubertus erst im 15. Jahrhundert vor. Dazu passt die Bildüberlieferung: Ältere Hirsch-Darstellungen zeigen Eustachius, etwa ein Fresko von 1351 in Pomposa. Das Gemälde des Meisters des Marienlebens mit der Bekehrung des heiligen Hubertus entstand um 1480 bis 1485.
Mehrere Umstände dürften die Übertragung begünstigt haben:
Der Gedenktag: Das Eustachius-Fest wurde zeitweise ebenfalls am 3. November gefeiert, bevor es auf den 20. September festgelegt wurde. Das gilt als plausible Erklärung, nicht als bewiesen.
Der Jägerpatron: Hubertus war schon länger mit der Jagd verbunden und bot sich für die Übernahme an.
Die Landschaft: Die Abtei Saint-Hubert lag mitten in den waldreichen Ardennen.
Der Adel: Die höfische Jagdkultur suchte einen Patron. Der Orden des heiligen Hubertus, 1444 von Herzog Gerhard von Jülich-Berg gestiftet, stärkte die Verehrung im niederrheinischen Adel, und die Jülicher Herzöge förderten den Kult besonders. Ob die Gründung des Ordens die Hubertuslegende erst hervorbrachte, ist unsicher.
Fazit
Heute gilt Hubertus als Patron der Jäger. Die Hirschlegende hat ihn zur Symbolfigur gemacht, mit der häufig auch der verantwortungsvolle Umgang mit Wild und Natur verbunden wird. Die historische Person, der Bischof und Missionar, und die spätere Legende sind dabei zwei unterschiedliche Dinge.

Pisanello: Die Vision des heiligen Eustachius, um 1438–1442
Das Gemälde des italienischen Renaissancekünstlers Pisanello zeigt die Legende des heiligen Eustachius. Der Überlieferung nach begegnete der römische Heerführer Placidus während einer Jagd einem Hirsch, zwischen dessen Geweihstangen ein Kreuz erschien. Diese Erscheinung führte ihn zur Bekehrung und zur Annahme des christlichen Glaubens.
Bemerkenswert ist die historische Zuordnung: Die Hirschvision gehörte ursprünglich zur Legende des Eustachius und wurde erst im Spätmittelalter auch mit dem heiligen Hubertus verbunden. Das Gemälde veranschaulicht damit eine ältere Tradition, die später die bekannte Hubertuslegende prägte.
Pisanello, The Vision of Saint Eustace, ca. 1438–1442, National Gallery, London.

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