Martinstag. Gans oder Der Hahn. Wer war zuerst da

Der Brauch, am Martinstag Gänsebraten zu servieren, hat tiefere Wurzeln, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Der 11. November, der Gedenktag des heiligen Martin von Tours, war früher ein besonderer Stichtag im bäuerlichen Jahr. An diesem Datum endete die Arbeitssaison: Pacht und Steuern wurden bezahlt, Knechte und Mägde erhielten ihren Lohn oder suchten neue Stellen. Außerdem war die Zeit gekommen, Tiere zu schlachten – vor allem solche, die man über den Winter nicht mehr füttern wollte.
Die Gans hatte dabei eine besondere Bedeutung. Oft diente sie als Abgabe oder Naturalzins, also als eine Art Bezahlung an Gutsherren oder Klöster. Weil sie in vielen Höfen gehalten wurde, lag es nahe, sie rund um den Martinstag auch als Festessen zuzubereiten – und so entstand die Tradition der Martinsgans.
Zugleich begann nach dem 11. November eine längere Fastenzeit vor Weihnachten. Der Martinstag bot also noch einmal Gelegenheit, richtig zu feiern und sich satt zu essen, bevor die besinnlichere Adventszeit begann.
So verbindet die Martinsgans bis heute Religion, Geschichte und Jahreslauf – ein Stück gelebte Tradition, das an alte Zeiten erinnert und noch immer Menschen zusammenbringt.
Weniger bekannt ist, dass die Gans ursprünglich gar nicht das Tier des heiligen Martin war. Volkskundliche Forschungen zeigen, dass bis ins 13. Jahrhundert hinein vielerorts der Hahn im Mittelpunkt der Martinsbräuche stand. Er galt als Symbol des Lichts, der Wachsamkeit und des Neubeginns – Motive, die gut zum heiligen Martin und zur dunklen Jahreszeit passten.
Erst im späten Mittelalter begann die Gans, den Hahn allmählich zu verdrängen. Nach Einschätzung des Volkskundlers Daniel Drascek („Szenische Gestaltungen christlicher Feste“, Waxmann 2011) war dieser Wandel nicht zufällig: In Predigten der Gegenreformation – etwa in der 1595 erschienenen Schrift Von der Martins Gans von Melchior de Fabris – wurde die Gans erstmals ausdrücklich als Symbol der Wachsamkeit und Tugend gedeutet. Damit übernahm sie die Rolle, die zuvor dem Hahn zugeschrieben worden war.
Auch wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle. Gänse wurden im Spätmittelalter häufig als Naturalabgabe, der sogenannte Martinsschoß, an Grundherren oder Klöster entrichtet. So verband sich das Tier immer stärker mit dem Martinstag – zunächst als Abgabe, später als Festessen.
Fachleute wie Karl Meisen (1968) und Dietz-Rüdiger Moser (1993) beschreiben diesen Prozess als ein Zusammenspiel von kirchlicher Symbolik und bäuerlicher Lebenspraxis: Die Gans wurde zur religiös aufgeladenen Speise, die zugleich den wirtschaftlichen Jahresabschluss markierte.
Heute gilt der Gänsebraten als selbstverständlich zum Martinstag – doch er ist das Ergebnis einer langen kulturellen Entwicklung. In älteren Zeiten krähte am Martinstag noch der Hahn; erst später wurde daraus das Festtier, das wir bis heute mit diesem Tag verbinden.
Quellen (Auswahl)
  • Daniel Drascek: Vom Palmesel bis zur Martinsgans, in: Szenische Gestaltungen christlicher Feste, hrsg. v. Michael Prosser-Schell, Waxmann 2011.
  • Karl Meisen: Sankt Martin im volkstümlichen Glauben und Brauch, Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, 1968.
  • Dietz-Rüdiger Moser: Bräuche und Feste im christlichen Jahreslauf, 1993.
  • Online-Beiträge u. a. auf katholisch.de, Wikipedia und opium.hamburg.
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  • Grafik KI
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